
Die „Weiße Stadt“ im Schatten des Vulkans
Nachdem wir gestern die Herstellung des Garns ausgiebig kennengelernt haben, widmen wir uns heute nun der Konfektion zu fertigen Kleidungsstücken, Schals oder Decken. Das Betriebsgelände ist wiederum äußerst weitläufig, so dass wir uns schon mal auf einiges an Fußweg gefasst machen.

Hier wird das Garn vornehmlich zu Webstoffen verarbeitet. Ganze Hallen belegen die vollautomatischen Webstühle, die Stoffe aller Farben und Qualitätsstufen herstellen. Daraus entstehen in der weiteren Fertigung alle möglichen Produkte, vom einfachen Schal bis hin zu eleganten Mänteln und anderen Kleidungsstücken. Auch ein Produkt von hessnatur begegnet uns in der Näherei – unsere beiden Botschafter nutzen die Gelegenheit, um sich detailliert bei einer der Näherinnen über ihre Lebens- und Arbeitsumstände zu erkundigen.
Nachmittags unternehmen Michael und ich noch einen kurzen Streifzug durch die außerordentlich schöne Stadt, die zu Recht zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Verwinkelte Gassen in der Altstadt führen durch ehrwürdige Gebäude aus Kolonialzeiten, ein Aussichtspunkt bietet schließlich noch einen grandiosen Blick über die Stadt im Schatten des über 5.000 Meter hohen Vulkans Misti.

Abends führt uns Matthias Hess ins Restaurant „Chicha“, bekannt für seine ausgezeichnete Küche mit vielen regionalen Spezialitäten. Hier probiere ich mein erstes Meerschweinchen – eine Delikatesse in Peru! Allerdings entscheide ich mich für die „Touristen“-Variante – das gute Tier kommt also als Filet auf den Teller und nicht am Stück…
Gesättigt kehren wir ins Hotel zurück für unsere letzte Nacht in Arequipa. Morgen erwartet uns die Königsetappe der Reise, die Fahrt durch die Anden zur Alpaka-Farm mit Passhöhen bis 4.700 Metern.

Auf zur nächsten Station – Arequipa
Es ist noch dunkel, als wir um 4 Uhr morgens zum Flughafen aufbrechen. Gut eineinhalb Stunden dauert der Flug nach Arequipa, wo wir mit stahlendem Sonnenschein begrüßt werden – eine angenehme Abwechslung nach dem stetigen Küstennebel in Lima.
Wir checken in unser Hotel ein und genießen erst einmal das einladende Frühstücksbuffet. Samira ist überzeugt davon, erste Auswirkungen der Höhe zu spüren, liegt Arequipa doch immerhin auf rund 2.400 Metern. Der Rest von uns ist zwar auch nicht die Fitness in Person, allerdings vermuten wir eher den chronischen Schlafmangel als Ursache.

Frisch gestärkt laufen wir ein kurzes Stück zu unserem ersten Programmpunkt. Auf dem Gelände eines Garnlieferanten besichtigen wir ein sehr schön ausgestattetes Museum über die Geschichte der Verarbeitung von Alpaka-Wolle. Hier treffen wir auch zum ersten Mal auf diese äußerst liebenswerten Tiere. Eines jedoch entpuppt sich als etwas zickig und spuckt mir geradewegs ins Gesicht (wenigstens nicht auf die Kamera) – M***vieh!
Nach diesem informativen Auftakt ziehen wir weiter zum nächsten Betrieb. Auch hier wird aus Alpaka-Wolle und Baumwolle Garn produziert. Das geschorene Fell eines Alpakas besteht aus vielen verschiedenen Qualitätsstufen, die zunächst voneinander getrennt werden müssen. Katharina und Samira versuchen sich unter der Anleitung einer erfahrenen Mitarbeiterin selbst an der Sortierarbeit, allerdings mit eher mäßigem Erfolg. Das Erfühlen der unterschiedlichen Qualitäten erfordert jahrelanges Training und kann ausschließlich in Handarbeit erfolgen.

Die weitere Verarbeitung unterscheidet sich nicht wesentlich vom Verspinnen der Baumwolle, das wir ja auch gestern schon in Lima kennengelernt haben. Die schiere Größe des Betriebsgeländes überrascht uns einmal mehr und so sind zumindest unsere Füße sehr dankbar, als wir am späteren Nachmittag wieder ins Hotel zurückkehren.

Spinnen, Nähen, Stricken – das volle Programm
Drei Besuche stehen heute auf unserer Liste. Wir legen relativ früh los, um nicht ganz so spät wie gestern fertig zu werden. Unsere Botschafter müssen schließlich noch ihre Blog-Artikel schreiben, und auch wir sind abends immer noch gut beschäftigt die Daten zu überspielen, Material grob zu sichten und die gesamte Technik für den nächsten Tag bereit zu machen.

Wir beginnen unsere Tour mit dem Besuch einer Spinnerei. In riesigen Hallen wird hier die Rohfaser in mehreren Arbeitsschritten immer weiter verdichtet, gekämmt, gedehnt und wieder verdichtet und so weiter, bis am Ende schließlich das fertige Garn herauskommt. Dieses wird teilweise noch gefärbt und einer Qualitätskontrolle unterzogen. In der Halle ist es brüllend laut, heiß und feucht. Außerdem fliegen überall kleine Fasern herum, so dass wir den Gehör- und Atemschutz dankbar annehmen.
Direkt im Anschluss fahren wir zu einem Konfektionsbetrieb. Hier wird das eben noch in der Entstehung gesehene Garn weiterverarbeitet, in diesem Fall vornehmlich zu T-Shirts. In der angeschlossenen Näherei darf nun auch Samira ihr Können unter Beweis stellen. Als ausgebildete Schneiderin fällt ihr das allerdings auch nicht schwer, und so bedarf es auch keiner größeren Einweisung, bis sie die ersten Nähte setzt.

Nach einem kurzen Mittagessen steht noch ein letzter Besuch für diesen Tag an. Hier wird wieder gestrickt, diesmal allerdings voll automatisiert auf großen Industrie-Strickmaschinen. Bei der anschließenden Konfektion ist dann aber wieder Handarbeit gefragt, dieser Arbeitsschritt lässt sich einfach nicht durch Maschinen ersetzen. Für uns besonders spannend: Gerade findet die letzte Kontrolle einer Lieferung an hessnatur statt, die morgen nach Deutschland verschifft wird.
Den Abend lassen wir eher ruhig ausklingen. Eigentlich wollten wir früh schlafen gehen, da wir bereits um 4 Uhr morgens zum Flughafen für unseren Flug nach Arequipa müssen. Der Plan geht (erwartungsgemäß) nicht ganz auf, so dass die Nacht wieder einmal recht kurz werden wird.

Eine Stadtrundfahrt der etwas anderen Art
Zunächst wieder eine Lehrstunde in Landeskunde: Kaffee wird in Peru quasi in konzentrierter Form serviert und sollte vor dem Trinken mit heißem Wasser auf die gewünschte Stärke verdünnt werden. Das erklärt auch, warum der gestrige Frühstücks-Kaffee doch eher einer Koffein-Infusion glich… Heute, richtig zubereitet, ist er doch deutlich bekömmlicher.

Gegen neun Uhr verlassen wir das Hotel und besuchen als erstes einen Lieferanten für Alpaka-Decken. Der Betrieb ist besonders eindrucksvoll, da hier relativ betagte neben top modernen Maschinen stehen – in aller Regel, so der Geschäftsführer, sei die Qualität der alten Maschinen aber immer noch überlegen. Leider haben wir es etwas eilig, so dass wir uns bereits nach einer für uns viel zu kurzen Besichtigung wieder auf den Weg machen.

In Begleitung von Alois Kennerknecht starten wir nun zu einer Stadtrundfahrt der etwas anderen Art. Nicht touristisches Sight-Seeing steht auf dem Programm, sondern wir lernen das “echte” Lima kennen. Waren wir bisher doch eher in den besseren Vierteln unterwegs, führt unsere Fahrt uns nun in die Außenbezirke, wo teils krasse Gegensätze das Stadtbild bestimmen. Neben blitzsauberen Supermärkten stehen hier teilweise ärmliche Hütten. Schon bald hört auch die asphaltierte Straße auf, und unser Bus quält sich auf steilen Schlagloch-Pisten die Berge hoch.
Den Abschluss bildet der Besuch eines weiteren Lieferanten, wiederum ein Spezialist für Stricksachen. Katharina wagt erneut das Experiment an der Handstrickmaschine und fügt einem hessnatur-Pullover ein paar perfekte Maschen hinzu. Aber auch dieser Besuch währt nicht allzu lange – die Dämmerung hat bereits eingesetzt und wir müssen dringend ins Hotel zurück.

Nach nur einer kurzen Verschnaufpause auf dem Zimmer sitzen wir auch schon wieder im Fahrzeug. Diesmal ist es ein offener Doppeldecker-Bus, der uns zum abendlichen Ausklang zur “Mistura” bringt – eine Art Nahrungsmittel-Messe, auf der fast alle Restaurants Limas vertreten sind und ihre Kreationen zum Probieren anbieten. Die Fahrt entpuppt sich als echtes Abenteuer, da diverse Schilder, Ampeln und Kabel teilweise nur knapp einen halben Meter über unseren Köpfen vorbei zischen.